Andacht November 2019: Den Freund beweinen

"Israel, dein Stolz liegt erschlagen auf deinen Höhen. Ach, die Helden sind gefallen! Saul und Jonathan, die Geliebten und Teuren, im Leben und im Tod sind sie nicht getrennt. (…) Jonathan liegt erschlagen auf den Höhen. Weh ist es mir um dich, mein Bruder Jonathan, ich habe große Freude und Wonne an dir gehabt. Du warst mir sehr lieb. Wunderbarer war deine Liebe für mich, als die Liebe der Frauen. Auch, die Helden sind gefallen, die Waffen des Kampfes verloren." (2. Samuel, 17 ff.)

Die Geschichte des Hirtenjungen David, sein legendärer Kampf für König Saul gegen Goliath und die Freundschaft zu Sauls Sohn Jonathan sind bekannt.

Dieses Klagelied macht jedoch deutlich, wie stark David Jonathan wirklich zugetan war. Die Zeilen erinnern ein bisschen an Old Shatterhand, als er den Tod seines Blutsbruders Winnetou beklagt, ihn im Sterben küsst und völlig verzweifelt ist.
An anderer Stelle der Bibel steht, dass Jonathan David liebt wie sein eigenes Leben und ihm zum Zeichen seiner Liebe und Treue seine Rüstung, sein Schwert, seinen Bogen und seinen Gürtel schenkt. Mehr noch: Er vertraut ihm vollkommen, liefert sich ihm in seinen Gefühlen scheinbar aus und macht sich damit natürlich verwundbar. (1. Samuel 20, 40 ff.)

Die Geschichte von David und Jonathan muss schon zu biblischen Zeiten bemerkenswert gewesen sein. Sonst hätte sie es nicht in dieser offenen Sprache und Klarheit in die Bibel geschafft. Außergewöhnlich ist auch, dass ihre Zuneigung in der Geschichte nicht verurteilt oder moralisiert wird. Ihre Liebe war einfach da und prägte die Handlungsweisen der jungen Männer.

Was auch immer für eine Beziehung zwischen den beiden Männern war, es spielt keine Rolle. Denn Liebe ist vielfältig, überwältigend und kann Grenzen sprengen. Menschliche Gefühle sind so viel reicher und vielschichtiger als Verbote und Normen. Solange sie im gegenseitigen Einverständnis, in Respekt und Achtung der Menschenwürde des Gegenübers gelebt werden.

Andrea Giesbert

 

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