Andacht Juni 2017: Überall und nirgends

„Orte der Bibel“, so heißt unsere Andachtsserie dieses Jahr. Was läge also näher, als zum Pfingstfest den Ort zu besuchen, wo Gottes Geist wohnt. Aber wo ist das? Im Himmel? In Kirchen? Oder auch in Synagogen, Moscheen oder Tempeln und Heiligtümern anderer Religionen? Nur in bestimmten Menschen oder in uns allen? In besonderen Situationen und Momenten?

Vielleicht trifft es das am ehesten: Es gibt Augenblicke und Situationen, da erleben wir den Geist Gottes in uns oder um uns herum; da können wir ihn fast mit Händen greifen: im eigenen Inneren; in einer Landschaft, einem Musikstück, einer Begegnung; kurzum: in einem Erlebnis, das uns Gottes Gegenwart spüren lässt. Doch obwohl wir glauben, ihn mit Händen greifen zu können, ist er nicht zu fassen.

Es ist mit dem Geist Gottes wie mit Jesus, als er bei den Emmaus-Jüngern am Tisch sitzt und das Brot bricht (Lukas 24): Da erkennen sie ihn, erkennen auch, dass er schon die ganze Zeit bei ihnen war; und im gleichen Augenblick ist er nicht mehr zu sehen. Und doch hat er die beiden Jünger völlig verändert, ist also weiter bei ihnen.

Ja: Gottes Geist kann überall gegenwärtig sein und hat doch keinen festen Ort. Er kann auf Menschen herabkommen und in ihnen wohnen, aber wir können ihn nicht festhalten oder gar für unsere Zwecke einspannen: „Der Geist/Wind weht, wo er will.“ (Johannes 3,8)

Ganz am Anfang der Bibel (1. Mose 1,2) hat Gottes Geist allerdings einen Ort: „der Geist Gottes schwebte über dem Wasser“. Dort also, wo es noch gar keinen Ort gibt (und keine Zeit), sondern nur den unermesslichen Abgrund der Urflut, dort hat der Geist Gottes seinen „Ort“: im Nirgendwo sozusagen.

Aber er sorgt dafür, dass es nicht beim Nirgendwo bleibt, sondern dass Raum und Zeit geschaffen werden. Und deshalb können wir ihm an jedem Ort und zu jeder Zeit begegnen. Denn er ist gegenwärtig und unfassbar zugleich.
Thomas Miertschischk

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