Andacht Juli 2019: Das Heimweh nach Gott bewahren

An den Wassern zu Babel saßen wir und weinten, wenn wir an Zion gedachten.Unsere Harfen hängten wir an die Weiden im Lande.Denn sie hießen uns fröhlich singen,die uns gefangen hielten:„Singet uns ein Lied von Zion!“Aber wie könnten wir des Herrn Lied singenin fremdem Lande? (Psalm 137)

Wer in der Fremde die Lieder der Heimat singt, den überkommt Heimweh, und er dichtet darüber ein wehmütiges Lied: „An den Wassern zu Babel saßen wir und weinten“ (vertont auch von Antonín Dvoák).

Wer durch Kriegswirren in die Fremde vertrieben wird wie der Psalmdichter und sein Volk damals, dem wird das Lied oft das Einzige, das ihm geblieben ist. „Wenn wir an Zion dachten“ – Heimweh nach Gott.

Wenn einen dann die Peiniger in der Fremde auch noch zwingen, die Lieder zu singen, die einem heilig sind, um ihren Spott daran zu haben – „So zeigt nun: wo ist euer Gott vom Zion ?“ –, wenn der Tempel, die Heiligkeit Gottes missbraucht wird als Unterhaltungslied für die Gottlosen, dann, ja dann muss man das Singen verweigern.

Ein Lied verweigern – gilt das auch heute? Wenn zum Beispiel in der Adventszeit das „O du fröhliche“ missbraucht wird von Geschäftsinteressen, müsste man dann auch das Kaufhaus verlassen oder an die Geschäftsführung eine Petition schreiben ?

Ein Lied verweigern. In den 1980-er Jahren tobte der Kampf um die atomare Wiederaufbereitungsanlage (WAA) in Wackersdorf. Jede Woche kam es zu Demonstrationen und zu einer Andacht am Marterl. Auch die evangelische Jugend hielt eine Andacht und wollte das Lied „Großer Gott, wir loben dich“ als Bekenntnis zum Gott des Lebens gegen die zerstörerischen Kräfte singen. Der Initiativkreis von Wackersdorf aber hatte den Beschluss gefasst: „Das Lied darf am Marterl solange nicht mehr gesungen werden, bis die WAA verhindert und wieder Friede in der Region eingekehrt ist.“ Heute singen sie wieder.

Ein Lied verweigern? Lieder sind Bekenntnisse. Märtyrer sind oft mit einem Lied auf den Lippen in den Tod gegangen. Aber auch das kann ein Bekenntnis sein, wenn wir gegen den Missbrauch religiöser Werte das Lied verweigern, wie es Israel in Babel tat, und so das Heimweh nach Gott bewahren.

Wilfried Beyhl


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